Kolumne: „Was hast du dir dabei nur gedacht?“-

Thomas Kern über Liebe und Zyniker

Regelmäßig werde ich daran erinnert, was für ein Arschloch ich als Teenager und in meinen frühen Zwanzigern war. Das passiert zu Recht, denn ich war wirklich häufig ziemlich scheiße. Ich war einer dieser Arschloch-Zyniker, die nichts und niemanden ernst nehmen, der nicht ihrer Linie entspricht. Schublade auf, Mensch/Text/Lied rein, Schublade zu. Dazu gehörte auch, regelmäßig Dinge scheiße zu finden, nur weil sie diesem ominösen Idealtypus nicht entsprechen. Dieses seltsam-verquere, nicht zu Ende gedachte Bild dessen, was cool ist und was nicht. Welche Musik man zu hören hat; welche Bücher man zu lesen hat; welcher Stil akzeptabel ist und welcher nicht.

Bin ich froh, dass ich heute davon frei gemacht habe! Auch wenn mir andere Menschen diese Charakterzüge mein Leben lang anhängen werden, wie das schlechte Gewissen, das euch mit jedem gekauften Nike-Schuh verfolgt, weiß ich, dass ich diese Eigenschaft in weiten Teilen ablegen konnte — oder zumindest ein Bewusstsein dafür entwickelt habe, falls sie einmal wieder ungewollt zu Tage tritt. Endlich bin ich befreit, von der Last auf alles und jeden zynisch blicken zu müssen!

Thomas Kern Kiss & Tell Kolumne

Was für eine Erlösung das war, zu erkennen, dass man selber ein Popschwein ist.

Was für eine Erlösung das war, zu erkennen, dass man selber ein Popschwein ist. Abzuhotten, wenn Katy Perry auf der Closer läuft. Zu erkennen, dass Dinge nicht scheiße sind, nur weil meine Lieblingsrapper gesagt haben, dass sie scheiße sind. Wie anstrengend muss es sein, mit dreißig Jahren immer noch in diesem Hamsterrad des Anti-Seins zu rennen?

Als Leute in meinem Umfeld so langsam gecheckt hatten, dass ich für Kiss & Tell schreibe, gab es einige Reaktionen der folgenden Sorte:

„Wie kommst du denn auf DIE?“, „Das passt doch vorne und hinten nicht.“, „So ein Lifestyle-Getue“, „Ich weiß nicht so richtig…“, „Merken die eigentlich, dass du gegen die schreibst?“

Und tatsächlich ertappte ich mich immer wieder dabei, mich dafür zu rechtfertigen, die Sache klein oder sogar schlecht zu reden.

Aber warum muss ich das? Warum sollte ich Wasser auf die Mühlen derer geben, die in dieser Schubladen-Entweder-oder-Welt gefangen sind, in der es nur gut oder schlecht gibt? In der auf alles, was sich den angenehmen, schönen Dingen des Lebens widmet, mit Abneigung geblickt werden muss?

Harald Schmidt hat mal gesagt, dass er mit dem ihm zugeschriebenen Siegel des „Chefzynikers“ nie etwas anfangen konnte. Weil der Zyniker nah am Pessimisten ist, der mit der Welt abgeschlossen hat und damit Teil eines kleinen Kreises ist, der womöglich alles durchschaut hat, aber mit diesem Wissen auch ein ziemlich trauriges Leben führt.

Aber wie anstrengend muss es sein, in seinem Anti-Dasein so sehr fest zu hängen, dass man sich mindestens ebenso Zwängen unterwirft, wie diejenigen, die man für ihre Leichtigkeit kritisiert? Wie anstrengend ist es wohl, immer ein passendes Zeckenrap-Zitat parat haben zu müssen, um damit gegen einen vermeintlichen Mainstream zu kämpfen, obwohl man in diesem Moment doch einfach nur mit nem anderen Strom schwimmt?

Thomas Kern Kiss & Tell Kolumne

Wäre es nicht viel erstrebenswerter, statt sich ständig einer Seite zuordnen zu müssen, sich einfach seine ganz eigene zu schaffen?

Begründet sich in der dogmatischen Ablehnung der einen Sphäre nicht die automatische Unterordnung in eine andere? Wäre es nicht viel erstrebenswerter, statt sich ständig einer Seite zuordnen zu müssen, sich einfach seine ganz eigene zu schaffen?

Verfällt man nicht einem Trugschluss, wenn man meint, gegen alles ankämpfen zu müssen, was nicht dem Geschmack entspricht, aber gleichzeitig mit ungebändigter Wollust alles verschlingen, um die eigene Ablehnung zu nähren? Wie die Gaffer bei Verkehrsunfällen, die dann den Stau auf der Gegenfahrbahn verursachen.

Um das Kind mal beim Namen zu nennen. Ja, Kiss&Tell mag, wenn man denn will, eine ziemlich große Angriffsfläche bieten (mal unabhängig von dem Fakt, dass die thematische Bandbreite gar nicht so schmal ist, wie einige glauben). Aber anspruchsvolle Inhalte entstehen eben auch erst aus Abgrenzung zu seichten Themen. Und verdammt nochmal, ich möchte mich auch mal mit seichten Themen befassen. Und verdammt nochmal, ist es nicht cool, auf dieser Seite jemanden schreiben zu lassen, der diese Medien/Marketing/Werbewelt nicht auch mit einem selbstkritischen Auge betrachtet? Ich bin Teil dieser Welt und, ja, auch mich kotzt sie manchmal man. Wahrscheinlich mehr als jeden Außenstehenden.

Deshalb ergibt die Frage danach, ob ich wirklich hierher passe, auch gar keinen Sinn. Ich kann mich nicht von einer Blase freimachen, deren Teil ich selber bin. Und wahrscheinlich würde ich auf dem untergroundigsten artsy Wir-sind-anti-alles-Blog ebenso ein Fremdkörper sein, wie hier. Nur waren K&T eben die, die cool genug waren, mich zu fragen ob ich für sie schreiben will.

Ich habe keinen Bock mehr, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich hier schreibe. Und auf einer Couch inmitten einer Industriebrache zu sitzen spiegelt meinen Sonntag vielleicht wirklich ein bisschen stärker wider, als 15 Uhr noch verkatert im eigenen Saft rumzuliegen. Menschen verändern sich. Kontinuität und Verlässlichkeit schön und gut; aber Veränderung, Offenheit und Hinterfragen der inneren Ablehnung eben auch.

Ich bin froh darüber, dass ich Dinge manchmal einfach mache. Und wie geht es dir, während du diesen Text liest? Ich habe das Gefühl, dass Artikel, die auf dieser Plattform erscheinen, nicht nur von Fans dieser Seite gelesen werden. Dass sich hier auch manchmal Leute tummeln, die sich gar nicht damit identifizieren können. Oder die Message von K&T einfach ablehnen.

Egal zu welcher Gruppe du gehörst: Ich habe nichts als Liebe für dich.

Egal zu welcher Gruppe du gehörst: Ich habe nichts als Liebe für dich. Hast du auch Liebe für mich, weil es mir gut damit geht, hier präsent zu sein? Und auszuflippen zu können, wenn die ersten Takte eines ganz bestimmten Songs erklingen:

„Do you ever feel like a plastic bag floatin’ through the wind…“

Thomas Kern Kiss & Tell Kolumne

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Bilder von amoureuxee

Thomas ist freier Texter aus Leipzig. Hier quält er sich durch Kreativprozesse, beerdigt hin und wieder Menschen und schreibt regelmäßig für Kiss & Tell über die Abgründe der Medienwelt.

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