Kolumne: Die Kunst, sich nicht stressen zu lassen-

Thomas Kern über NOT getting things done

Unser Leben lang wurde uns eingetrichtert, dass wir nur dann gut sind, wenn wir Dinge schaffen. Von unseren Eltern, unseren Lehrern, unseren Kollegen und Chefs. Dinge zu schaffen, in möglichst kurzer Zeit möglichst produktiv zu sein, ist scheinbar Sinn unseres Lebens geworden. „Wie geil“ denken sich all die findigen Business-Portale, deren Daseinsberechtigung offenbar nur darin besteht, anderen Verblendeten Ratschläge zu geben, wie sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viel leisten, um sich im eigenen Umfeld damit profilieren zu können.

Und, wie viele Ratgeber der Marke „How to get things done“ oder „Prokrastination Adé“ habt ihr schon verschlungen? Vielleicht seid ihr sogar schon einen Schritt weiter und mittlerweile ganz gut darin, pro Tag ganz viele Dinge zu schaffen , Checklisten abzuarbeiten und Haken zu setzen. Ich konnte das nie gut. Und mit suizidalen Gefühlen denke ich an mein Studium zurück und die berüchtigte Klausurenphase, oder noch schlimmer: die Hausarbeiten. Und wie motiviert man zu Beginn ausgefeilte Pläne entwickelte, mit denen man ganz bestimmt Dinge besonders effektiv schaffen könnte. Karteikarten für unterwegs, Lerngruppen und natürlich ganz wichtig: Exzessive „Work Sessions“ in der Bibliothek.

Kolumne Thomas Kern Texter Leipzig

Dann dachte ich immer, dass bei mir etwas nicht stimmt: Offenbar können alle anderen das mit der Effizienz. Ganz offensichtlich haben alle anderen schon ganz viel geschafft. Ihren Social Media-Posts zufolge jedenfalls, mit aufgeklapptem Mac Book Air und Oatmeal-Schüssel mit gesunden Beeren daneben, während auf dem Tablet-Bildschirm daneben auch noch das WM Finale läuft, untertitelt mit „SO schreibt man Masterarbeiten“.

Das Verrückte daran: Im persönlichen Gespräch scheinen dann aber die meisten meine Probleme zu teilen. Zur selben Zeit versuchen sie aber alle das Bild des überproduktiven Arbeitstiers, dass sich rund um die Uhr problemlos im Kohlestollen des 21. Jahrhunderts (vor dem Laptop) aufhält, aufrechtzuerhalten, als sei DAS das wirklich Erstrebenswerte im Leben. Ich weiß nicht, aber bei mir hielt die Freude darüber, etwas done gegettet zu haben, immer nur kurz an. Wie ein kurzes High, auf das der große Kater folgt. Und dann muss man wieder ran und das nächste Ding schaffen. Schaffen. Schaffen, schaffen, schaffen.

Ganz offensichtlich haben alle anderen schon ganz viel geschafft. Ihren Social Media-Posts zufolge jedenfalls, mit aufgeklapptem Mac Book Air und Oatmeal-Schüssel mit gesunden Beeren daneben, während auf dem Tablet-Bildschirm daneben auch noch das WM Finale läuft, untertitelt mit „SO schreibt man Masterarbeiten“.

Deshalb gehe ich diese Sache ab jetzt anders an. Nach wie vor staune ich über jeden, der sich morgens um acht Uhr hinsetzt, seine Aufgaben Punkt für Punkt runterreißt und dann um 17 oder 18 Uhr zufrieden seine Arbeit beendet und in den verdienten Feierabend geht. Ich habe aber verstanden, dass ich nicht der Typ dafür bin.

Thomas Kern über die Kunst sich nicht stressen zu lassen

Deshalb prokrastiniere ich jetzt bei vollem Bewusstsein. Ich kenne meine Aufgaben für den Tag, lese und beantworte Mails und mache dann erstmal… nichts. Bisschen Sport, bisschen rausgehen, bisschen dies, bisschen das und wenn die Muße kommt, dann geht es konzentriert in den Tunnel. Ohne Ablenkung, ohne Störung, aber mit brauchbaren Ergebnissen. Und natürlich innerhalb der Deadline. Die Kunst dabei ist, trotz des „Erst das Vergnügen, dann die Arbeit“-Ansatzes mit sich im Reinen zu bleiben. Aber das ist letztendlich auch nur Gewöhnung.

Die Kunst dabei ist, trotz des „Erst das Vergnügen, dann die Arbeit“-Ansatzes mit sich im Reinen zu bleiben.

Natürlich funktioniert das nicht in jedem Beruf und ein Bandarbeiter bei BMW kann natürlich nicht dann am Arbeitsplatz sein, wenn es ihm gerade in den Kram passt. Aber in den Köpfen der Arbeitgeber der Medienbranche und in Gro.raumbüros in anderen Branchen setzt besagtes Umdenken mehr und mehr ein: Produktiver ist, wer sich bewusste Pausenzeiten gewährt, dem Kopf zwischendurch Urlaub gönnt und somit auch Gelegenheit bekommt, sich selbst zwischendurch zu bespaßen. Und dann kommen auch geile Ergebnisse dabei heraus.

So, und jetzt klapp ich den Laptop zu und fühle mich gut dabei.

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Thomas ist freier Texter aus Leipzig. Hier quält er sich durch Kreativprozesse, beerdigt hin und wieder Menschen und schreibt regelmäßig für Kiss & Tell über die Abgründe der Medienwelt.

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