Gastbeitrag – Erwachsen werden-

Kiss & Tell Gastautorin Anne Schwerin über junge Gründer

In Annes Gastbeiträgen auf Kiss & Tell dreht sich alles rund um Leipzigs spannende Start-Up Szene und junge Gründer, die den Mut haben, sich selbstständig zu machen. Unter dem Motto „Alles außer Arbeit“ unterhält sich unsere Gastautorin mit ihren Interviewpartnern aber nicht nur über’s Business, sondern vor allem über alle anderen wichtigen oder interessanten Aspekte des Lebens. Für ihren neuen Artikel hat Anne sich zu einem gemütlichen Picknick mit Oliver Kietzmann,Gründer des legendären Polyesterclubs, getroffen und sich über das, für viele Gründer aktuelle, Thema Erwachsen werden ausgetauscht.

Anne Schwerin

Hummus essen und erwachsen werden mit Oliver Kietzmann

Vor Kurzem hatte ich meinen 30. Geburtstag. Auch wenn ich es irgendwie mag, älter zu werden, weil ich dabei immer mehr bei mir selbst ankomme, war das gar nicht so leicht für mich. Denn neben der erwachsenen Anne, die es liebt, als Texterin und Fotografin auf eigenen Beinen zu stehen, steckt in mir auch noch ein ganzes Stück der kleinen Anne, die gern von Mädchen und Jungs, statt Frauen und Männern spricht, die unschuldig mit den Wimpern klimpert und sich nach Geborgenheit und Unbeschwertheit sehnt. Weil mich dieses Thema gerade so beschäftigt, wollte ich mich für meinen neuen Gastbeitrag unbedingt mal mit einem anderen Menschen aus der Leipziger Startupszene darüber unterhalten. Ich habe Oliver Kietzmann gefunden, der sich fürs Erwachsenwerden ebenso viel Zeit gelassenen hat, wie ich. Oliver ist als Gründer des Polyesterclubs in Leipzig bekannt. Im Moment organisiert er parallel dazu ein Klassikfestival am Meer. Und kurioserweise ist er gerade dabei, mit Green Flamingo ins Hummus-Business einzusteigen. Deshalb haben wir unser Fotointerview auf einer der Brachflächen am Rande Leipzigs gleich mal mit einem leckeren Hummus-Picknick verbunden. Pinkes Hummus. Mädchenfarbe. Der Tag hätte nicht besser starten können!

Oliver Kietzmann

Oliver, wo war der Punkt für dich, an dem du gemerkt hast, dass es Zeit wird, erwachsen zu werden?

Ich weiß es noch genau: Das war nachdem der Polyesterclub in Leipzig schon einige Jahre erfolgreich lief und die Umsätze zwischenzeitlich einbrachen. Vorher war ich wie in einer Blase. Ich studierte ja noch, lebte im Hier und Jetzt, dachte nicht an morgen. Wenn eine Party erfolgreich ist und dich alle loben, denkst du, du bist unbesiegbar, kannst Bäume ausreißen. Als wir dann plötzlich weniger Besucher bekamen und ich merkte, wie sehr ich im Studium schon hinterherhing, stand ich auf einmal kurz vor dem Nichts. Man könnte sagen, das ist „Learning the hard way“ – andere kriegen schneller die Kurve, ich brauchte einfach erstmal diese Rückschläge.

Du hast dein Studium dann doch noch geschafft und bist heute erfolgreich selbständig. Bereust du diese Zeit manchmal?

Nein, keineswegs. Das hatte auch was unglaublich Schönes. Manche Freunde von mir, die mit 21 gleich irgendwo zu arbeiten anfingen, haben sowas nie erlebt und ärgern sich möglicherweise heute.

Warum hat es für dich im Vergleich so lange gedauert, um an diesen Punkt zu kommen?

Bei einigen Dingen bin ich schneller als meine Umwelt, bei anderen nicht. Man muss irgendwann bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Und das hat bei mir irgendwie ein bisschen länger gedauert als bei meinen Freunden. Ich meine damit Verantwortung für sich selbst, den eigenen Werdegang, aber auch für andere Menschen. Ich bin eben ein kreativer Geist und ich glaube, da kann es passieren, dass man sich in dieser Kreativität auch mal verliert. Dass man manche Notwendigkeiten dann nicht mehr so im Blick hat. Irgendwann muss man aber an den Punkt kommen, persönliche Freiheit und Verantwortung miteinander in Einklang zu bringen.

Inzwischen ist dir das gelungen. Wo siehst du heute die Parallelen in den unterschiedlichen Bereichen, in denen du tätig bist? Was ist deine Mission?

Ich denke, sowohl in der Musik als auch beim Essen geht es darum, kulturelle Praktiken mitzugestalten und Verbindungen zwischen Menschen aufzubauen. Das ist mir sehr wichtig, weil ich mir eine Welt wünsche, in der Äußerlichkeiten, wie z.B. die Zugehörigkeit zu einer Nationalität, keine Rolle spielen. Räume und Gelegenheiten zu schaffen, in denen Menschen gemeinsam etwas Schönes, Intensives erleben, helfen dabei, zum Teil oft künstlich erzeugte Gegensätze abzubauen. Und sich gesund und nachhaltig zu ernähren, bedeutet natürlich auch, Verantwortung zu übernehmen.

Wenn wir sagen, erwachsen werden, heißt Verantwortung übernehmen und wir gehen noch einen Schritt weiter: Was steckt für dich hinter diesem Begriff Verantwortung?

Verantwortung übernehmen, heißt für mich, sich selbst und die Welt kritisch zu hinterfragen, auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen und diese authentisch und verbindlich gegenüber anderen zu vertreten.

In welcher Hinsicht sollten wir nie erwachsen werden? Was sollten wir uns nicht nehmen lassen?

Man sollte sich seinen Spieltrieb und seine Neugierde niemals abtrainieren lassen. Und natürlich die Fähigkeit, sich selbst manchmal nicht ganz so ernst zu nehmen!

 

Anne liebt schöne Worte und Bilder. Deshalb ist sie auch bereits 2013 während ihres Cultural Engineering Studiums als freie Texterin und Fotografin in die Selbständigkeit gestartet. Seitdem hat Anne zahlreiche Kiss & Tell-Projekte mit der Kamera begleitet und verschiedene Gastartikel auf unserem Blog veröffentlicht.

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